Eine für alle – wie eine kleine Kapelle zur Begegnungsstätte wurde (Teil 2)

Gestern berichteten wir über Notwendigkeit und Vision der Sanierung der Gustav-Adolf-Kapelle in Witterda. Wer hier weiterlesen möchte, sollte zunächst den ersten Teil lesen.

Von der Agrargenossenschaft Elxleben wurden aus DDR-Zeiten stammende und inzwischen ausrangierte Bewässerungsrohre geholt, um in einem ersten Schritt der Sanierung das Regenwasser von den Kirchenmauern wegzuleiten. Dann wurden die Grundmauern außen bis in eine Tiefe von einem Meter ausgeschachtet, mit Beton unterfangen und isoliert. 
Mehr als 400 m² Mauerwerksfugen wurden durch die Vereinsmitglieder und ihre Helfer freigelegt und von spezialisierte Handwerkern einer Fachfirma schließlich neu verpresst/verfugt.

Aus dieser Zeit des Sanierungsbeginns erzählt Uwe Transchel eine Episode, die wohl exemplarisch steht zum einen für den unbedingten Willen der Vereinsmitglieder, die Kirche zu restaurieren zum anderen für die breite Unterstützung, die sie bei ihrem Vorhaben durch die Bewohner des Ortes erhielten : Als die letzte Fuhre Beton geliefert wurde, war die Straße vor der Kapelle gerade saniert, aber noch nicht abgenommen worden. Der LKW mit dem Beton war deutlich überladen im Hinblick auf die Tragfähigkeit der Straße und hätte so die neu gesetzten Bordsteine ruiniert. Also fuhr er von der Feldseite an die Kapelle, dort aber war der Boden leicht angetaut und so rutsche die Fuhre unaufhaltsam in den neu gesetzten Zaun der Firma Sendler und hing schließlich darin fest. Versuche, den LKW mit dem Traktor herauszuziehen scheiterten und schließlich wurde der Beton an Ort und stelle entladen und Herr Martin Sendler hat ihn mit dem Radlader portionsweise zur Kirche transportiert.

Die Grund- und Außenmauern zu sichern, war essentiell. Auch die Sanierung im Inneren schritt voran. Tragenden Deckenbalken wurden teilerneuert, neue Elektrik installiert, 2003 schließlich die Orgel demontiert und eingelagert, die bleiverglasten Fenster restauriert, eine Teeküche und Toiletten eingebaut. Die Wände wurden von bröckelnden Putz befreit. Zum Vorschein kamen Ornamente eines Deckenfrieses, das es in seinen Fragmenten zu erhalten galt. Sowohl für die Fugen als auch für den Putz war eine Analyse des verwendeten Mörtels vonnöten. Das Amt für Denkmalschutz begleitete die Sanierung und achtete strikt auf die Verwendung der richtigen Materialien. 2005 wurde Laminatfußboden verlegt – ein Kompromiss, den das Amt tolerierte, weil der eigentlich geforderte Holzfußboden die finanziellen Möglichkeiten der Vereins dann endgültig gesprengt hätte.

Als es an die Gestaltung der Außenanlagen ging, weiß Uwe Transchel eine weitere Anekdote zu erzählen. Als er mit seiner Frau zum Einkauf fuhr, sah er in der Eislebener Straße in Erfurt die Abbrucharbeiten an der ehemaligen Bezirksparteileitung und fragte den Bauleiter vor Ort kurzerhand nach den Natursteinen. Die könne man haben für die Kapelle, erhielt er zur Antwort, man müsse sie aber selbst herausbrechen. Mit Traktor, Anhänger und Brecheisen kamen die Vereinsmitglieder zur Abrissstelle, mussten jedoch feststellen, dass das Herauslösen der Quader von Hand nicht zu bewerkstelligen war. Ein freundlicher Baggerfahrer erledigte das dann maschinell. Heute sind die Natursteine in den Einfassungen der Hochbeete und in den Stützmauern und Stufen der Kapelle verbaut. „Und so hat die SED schließlich auch einen Beitrag zur Sanierung der Gustav-Adolf-Kapelle“ geleistet.“, fasst Uwe Transchel mit einem Augenzwinkern zusammen.

Im Inneren wurde eine Empore gebaut, auf fünf Meter lange Stahlträger gelegt. Die stammen vom Schrotthandel, ebenso das Material für die Treppe. Das sparte rund zwei Drittel der Kosten. Gemeinsam mit dem Schlosser der Agrar Genossenschaft wurden daraus die entsprechenden Bauelemente gefertigt. 

Um eine neue Eingangstür zu erhalten – die Bretter der alten waren von unten her verfault – gelang den Vereinsmitgliedern ein neuer Coup: Sie sollte das kostenlos angefertigte Meisterstück eines angehenden Tischlermeisters werden. Das Material allerdings musste der Verein zur Verfügung stellen und der weltliche Gemeinderat übernahm auf Antrag dafür die Kosten. Als der Beschluss über die Erstattung der Kosten in entsprechender Höhe gefasst war, hatte der Meisterschüler Gelegenheit, das Holz und die Beschläge für die Tür deutlich günstiger direkt im Sägewerk und in Skandinavien zu kaufen. Den dadurch eingesparten Betrag nutzte der Verein zum Kauf der teuren vom Denkmalschutz geforderter Farbe. Damit wurde der Gemeinderat in eine Bredouille gebracht wegen des teilweise zweckentfremdeten Einsatzes der Gelder. Im Nachgang wurde aber zugunsten des Vereins entschieden, den Kauf der Farbe aus den ursprünglich ausschließlich für die Tür vorgesehenen Mittel, zu genehmigen.

Einen Tag vor dem sechsten Kapellenfest schließlich wurde die neue Tür geliefert – konnte aber so schnell nicht eingebaut werden. Das Bogengestell, das der Meisterschüler für die Ausstellung seiner Tür genutzt hatte, stellte er zur Verfügung und so konnte ein symbolisches Öffnen der Tür der Gustav-Adolf-Kapelle durch Pfarrer Voß und Bürgermeister Koch zelebriert werden.

Was folgte waren eine Dachsanierung, die Installation einer Photovoltaik-Anlage, die Anschaffung einer Orgel und vieles andere mehr. Vor allem aber hat der Förderverein eines geschafft – die sanierte Gustav-Adolf-Kapelle ist nicht nur ein bemerkenswertes architektonisches Kleinod, sie ist zu einer echten Begegnungsstätte für die Menschen im Ort und ihren Gäste geworden. Vernissagen von Malerinnen und Malern aus der Region, Konzerte lokaler wie weit gereister Musiker, Kabarettabende, Buchlesungen, Diavorträge, Seminare, Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche und das nunmehr schon zum 19. Mal durchgeführte alljährliche Kapellenfest mit ökumenischem Gottesdienst als Auftakt und buntem Programm gehören ebenso zum Leben der Kapelle wie Gottesdienste, Taufen und Trauungen.

Den konfessionsübergreifenden Gedanken packt Uwe Transchel in eine weitere Anekdote aus dem Jahr 2002. Prof. Dr. E. Tiefensee- Dekan der Kath. Fakultät der Universität Erfurt- las in der evangelischen Gustav-Adolf-Kapelle jüdische Gedichte und Texte . Damit ist alles gesagt, Chapeau – für diese Leistung.

*Quelle: www.gustav-adolf-werk.de

** Auszug aus der Satzung des Fördervereins der Gustav-Adolf-Kapelle

Autor: B. Köhler   Fotos neu: S. Forberg